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| Kill The Sun Presse-Text | 2003 |
Eine rasche Suche im Internet nach dem Namen "Xandria" fördert an
erster
Stelle einen Palast für erwachsenes Intimspielzeug zutage. Noch, muss
man
sagen, denn bald dürfte das weltweite Netz um einige Fanseiten zu einem
ohne
Frage größeren Vergnügen bereichert werden. Der Grund dafür stammt aus
der
ostwestfälischen Metropole Bielefeld -
das klingt vielleicht nicht nach dem magischen Ort einer neuen
musikalischen
Offenbarung, aber was dem Herzen Westfalens an spiritueller Aura
abgeht, wird
vielleicht bald von einer der spannendsten neuen Bands im Zirkel des
Gothic
Metal auf sie abfärben.
Vor etwas mehr als zwei Jahren von Gitarrist und Keyboarder Marco aus
der
Taufe gehoben, drängen Xandria jetzt mit ihrem Debütalbum "Kill the
Sun" ins
Rampenlicht. Doch dem von Dirk Riegner produzierten Album sollte man
mehr
als einen flüchtigen Seitenblick schenken. Spektakuläre Soundeffekte,
Bombast
gar sucht man hier vergeblich. Xandria suchen nicht fetischartig nach
einem
einfach zu identifizierenden Markenzeichen, sondern arbeiten mit
schlanken,
pointierten und dabei enorm abwechslungsreichen Arrangements, die dem
Gesang so viel Platz wie möglich zum Atmen lassen. Und welch' eine
Stimme!
Was Sängerin Lisa hier zelebriert, zeigt, dass sie nicht den diffusen
Erwartungen an die Quotenfrau in einer Gothic Metal-Band gerecht zu
werden
sucht, sondern mit jedem Vibrieren ihrer Stimmbänder ihre Emotionen
Klang
werden lässt. Nuancenreich, perfekt intoniert, doch nicht poliert
- das, was sie uns mitteilt, ist authentisch im Ausdruck, mal
elfengleich ätherisch schön, mal
spröde und brüchig, jedoch stets voller Leidenschaft.
Für Bandgründer Marco ist das "Einreißen der harten Fassade", wie er
die
Entwicklung vom Death Metal der späten Achtziger bis zur heutigen, weit
ausdifferenzierten Dark Metal-Szene treffend charakterisiert, der Dreh-
und
Angelpunkt von Xandrias Schaffen. Dementsprechend befleißigt sich das
Quintett nicht irgendeiner Form des musikalischen Muskelspiels, sondern
stellt
Härte nur dann zur Schau, wenn die Dramaturgie des Songs es verlangt.
Melodien stehen eindeutig im Vordergrund, und ja, diese dürfen auch mal
poppiger ausfallen, als es den Ideologen der Metalszene behagen wird.
Aber
wenn man erst einmal akzeptiert hat, dass Pop und Kommerz keinesfalls
synonym sein müssen, wird man sehen, dass bei diesem Sprung über die
rituellen Schützengräben nur einer gewinnen kann: der gute Song. Auf
"Kill the
Sun" tut er es, zehn Mal hintereinander.
Etwas reflexartig könnte man Xandria mit einem Ausdruck wie "Die
deutsche
Antwort auf Lacuna Coil, Nightwish, After Forever und Within
Temptation"
adeln, aber das wird der Vielfalt der gebotenen Songs nicht gerecht.
Xandria
wissen, wie man im Zeitalter der Postmoderne mit Einflüssen umzugehen
hat:
In dem Mass, in dem Bandnamen zu Synonymen für bestimmte Stimmungen
und Emotionen werden, die sich ob ihrer Komplexität nur schwerlich und
unzulänglich in Worte fassen ließen,
wird das Zitieren zum legitimen Mittel
einer Band, die sich vom Stilkatalog der heutigen Gothic-Szene nicht
einschränken lässt, sich aber bewusst an deren Klangsprektrum
orientiert.
Xandria zitieren leichtfüssig und ohne Scheu, dabei ordnen sich alle
Querverweise auf andere Künstler aber stets dem eigenen Schöpfungsakt
unter,
werden gewissermaßen als abstrakte Instrumente virtuos eingesetzt.
Es wäre wohl falsch, "Kill the Sun" schon jetzt mit endgültigen
Wertungen zu
überhäufen, immerhin steht diese Band noch ganz am Anfang ihres
musikalischen Werdeganges. Fest steht: Dieses Album ist eines der
bezauberndsten Debüts seit langer Zeit - denn es fängt die Essenz des
modernen
Gothic Metal ein: elegant, emotional und ergreifend.
Robert Müller, März 2003
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